Cayman Inseln: Steueroase oder Traumstrand? Beides — und genau das ist das Problem
Als ich das erste Mal von George Town aus aufs Wasser schaute, war ich ehrlich gesagt verwirrt. Links die gläsernen Fassaden der Banken, rechts ein Tenderboot voller Kreuzfahrttouristen auf dem Weg zum Strand. Zwei Welten, getrennt durch eine Hafenpromenade von vielleicht 200 Metern. Und mittendrin die Frage, die mir seit Wochen im Kopf herumging: Was sind die Cayman Inseln eigentlich wirklich?
Ich habe mich hingesetzt und alles aufgeschrieben, was ich nach mehreren Aufenthalten und unzähligen Gesprächen mit Einheimischen, Auswanderern und einem Steuerberater, der seinen Namen nicht nennen wollte, gelernt habe. Spoiler: Die meisten Artikel im Netz erzählen Ihnen entweder die Postkartenversion oder die Schlagzeilenversion. Beide sind unvollständig.
Wichtige Erkenntnisse
- Die Cayman Inseln sind ein britisches Überseegebiet mit rund 70.000 Einwohnern, verteilt auf drei Inseln.
- Kein direkter Steuersatz für Privatpersonen — aber das heißt nicht, dass das Leben billig ist.
- Die Rede von der „Steueroase" betrifft vor allem Firmenkonstruktionen, nicht den normalen Reisenden.
- Grand Cayman ist das Zentrum, Cayman Brac und Little Cayman sind zwei völlig andere Inseln.
- Für EU-Bürger gilt bei der Einreise normalerweise Visumfreiheit für kurze Aufenthalte.
- Die Lebenshaltungskosten liegen deutlich über dem, was man in der Karibik sonst erwartet.
Wo liegen die Cayman Inseln eigentlich genau?
Etwa 290 Kilometer nordwestlich von Jamaika, mitten in der Karibik. Drei Inseln: Grand Cayman, Cayman Brac und Little Cayman. Zusammen gerade mal rund 264 Quadratkilometer. Zum Vergleich: Das ist ungefähr die Fläche von München, nur eben mit Palmen statt U-Bahn.
Grand Cayman ist die große. Hier liegt George Town, die Hauptstadt, hier landen die internationalen Flüge, hier stehen die Banken und die Resorts. Cayman Brac und Little Cayman sind dagegen ruhig. Sehr ruhig. Wer dort ankommt und Action erwartet, wird enttäuscht.
Wie viele Menschen leben dort — und warum weichen die Zahlen so stark ab?
Die offiziellen Angaben schwanken zwischen rund 70.000 und 72.000. Ältere Quellen nennen teils nur 45.000 — das sind schlicht veraltete Zahlen aus einer Zeit, in der die Bevölkerung deutlich kleiner war. Der Zuwachs ist real und hat einen klaren Grund: Der Finanzsektor und der Tourismus ziehen Arbeitskräfte an.
Was mich bei meinem ersten Besuch überrascht hat: Ein großer Teil dieser Bevölkerung ist nicht auf den Inseln geboren. Es gibt eine große Gemeinde von Expats aus Jamaika, den Philippinen, Kanada und Großbritannien. Das verändert das ganze Gefühl der Inseln. Es fühlt sich weniger nach „karibisches Dorf" an und mehr nach „internationaler Vorort mit Palmen".
Steuerparadies — die unbequeme Wahrheit
Kein Einkommensteuer-, kein Kapitalertragssteuer-, kein Körperschaftssteuersatz. Das ist die nackte Tatsache, und sie stimmt. Was nicht stimmt, ist die Vorstellung, dass jeder Einwohner einfach steuerfrei lebt.
Das Ding ist: Wer auf den Cayman Inseln arbeitet, zahlt trotzdem Abgaben. Es gibt eine Gehaltsabgabe für Angestellte, es gibt Importzölle, es gibt eine Stempelsteuer beim Immobilienkauf. Wer sich hier niederlassen will, braucht außerdem eine Arbeitserlaubnis, und die ist an einen Arbeitgeber gebunden — man kann nicht einfach einreisen und sich niederlassen.
Ich habe damals mit einem Steuerberater gesprochen, der seit über zwanzig Jahren zwischen Miami und George Town pendelt. Seine nüchterne Einschätzung: „Die Inseln sind attraktiv für internationale Strukturen, nicht für den Mittelständler, der denkt, er zieht um und spart."
Sind die Cayman Inseln noch intransparent?
Nicht mehr so wie in den 2000er-Jahren. Die Inseln haben Schritte zur Transparenz umgesetzt — unter anderem die Registrierung von wirtschaftlich Berechtigten bei bestimmten Firmen. Das ändert nichts daran, dass es weiterhin Kritik gibt. Aber die alte Erzählung vom völlig undurchsichtigen System greift zu kurz.
Reise nach Grand Cayman: was Sie wirklich wissen sollten
Zwei Dinge, die in fast keinem Reiseführer stehen und die ich schmerzhaft selbst gelernt habe.
- Erstens: Die Lebenshaltungskosten. Eine Pizza und zwei Getränke — schnell bei umgerechnet 45 Euro. Ein Mietwagen für eine Woche: mehrere hundert Euro.
- Zweitens: Die Hurrikansaison. Sie läuft von Juni bis November, und die Inseln liegen mitten im Zugbereich.
- Drittens: Die Infrastruktur ist gut, aber nicht überall. Auf Cayman Brac gibt es im Grunde eine Hauptstraße.
- Formalitäten: EU-Bürger reisen für kurze Aufenthalte üblicherweise visumfrei ein, mit Rückflugticket und Unterkunftsnachweis.
Ich habe eine Woche im Juli gebucht, mitten in der Saison. Preislich ein Fehler. Drei Jahre später habe ich einen Aufenthalt im Februar gelegt — und das war ein völlig anderes Erlebnis. Weniger Regen, weniger Hitze, günstigere Preise. Wenn Sie flexibel sind, ist das der Zeitraum, den ich empfehlen würde.
| Aspekt | Grand Cayman | Cayman Brac | Little Cayman |
|---|---|---|---|
| Fläche | ca. 197 km² | ca. 38 km² | ca. 26 km² |
| Einwohner | der Großteil | wenige Tausend | unter 200 |
| Flughafen | international | regional | klein |
| Typischer Reisender | Touristen, Geschäftsleute | Taucher, Ruhesuchende | Taucher mit Muße |
| Banken | Hunderte | kaum | keine |
Tauchen, Strand und Seven Mile Beach
Der Strand, von dem alle reden, heißt Seven Mile Beach — und ist tatsächlich etwa sieben Meilen lang. Weißer Sand, ruhiges Wasser, kaum Wellen. Ich bin kein besonders guter Schwimmer und habe mich dort nie unsicher gefühlt.
Was die Inseln für Taucher so interessant macht: die Sichtweiten. Unter Wasser sieht man oft Dinge, die man sonst in der Karibik nur erahnt. Wracks, Riffe, steile Wände. Ich habe einen Tauchgang gemacht und konnte die Struktur eines Wracks bis zum Grund erkennen, ohne mich zu bewegen.
Welche Insel ist besser zum Tauchen?
Für Anfänger: Grand Cayman. Es gibt Tauchschulen, kurze Wege, viel Infrastruktur.
Für erfahrene Taucher: Bloody Bay Wall auf Little Cayman. Es ist eine Steilwand, und die ist weit draußen. Man fliegt erst nach Little Cayman, dann fährt man mit dem Boot hinaus. Wer dort war, versteht, warum Taucher wochenlang von nichts anderem reden.
Ich habe es nicht geschafft, dorthin zu kommen. Der Flug wurde wegen Wetter gestrichen. Zweimal. Das ist Karibik — und es ist der ehrlichste Ratschlag, den ich Ihnen geben kann: Planen Sie Puffer ein. Behandeln Sie Flug- und Bootszeiten als Vorschläge, nicht als Verträge.
Kurzer Blick auf die Geschichte
Kolumbus soll die Inseln 1503 auf seiner vierten Reise gesichtet haben — damals voller Meeresschildkröten, weshalb sie „Las Tortugas" genannt wurden. Der Name „Cayman" stammt vermutlich aus der Karibik und bezieht sich auf das Kaiman-Krokodil.
Die Inseln wechselten mehrfach die Zugehörigkeit, gehörten zeitweise zu Jamaika und wurden nach dessen Unabhängigkeit ein direktes britisches Überseegebiet. Heute stehen sie unter der britischen Krone, mit einer Gouverneurin vor Ort und einem eigenen Parlament, das viele innere Angelegenheiten selbst regelt.
Was mir bei den Gesprächen vor Ort immer wieder auffällt: Die Menschen hier sind sich ihrer besonderen Stellung sehr bewusst. Sie wissen, dass ihr Wirtschaftsmodell von außen kritisch gesehen wird. Sie wissen aber auch, dass es ihnen einen Lebensstandard ermöglicht, den es in der Region sonst kaum gibt.
Was die Cayman Inseln wirklich sind
Zwischen der Steueroasen-Erzählung und dem Postkarten-Traum liegt eine Inselgruppe, die beides gleichzeitig ist — und die daran arbeitet, dass die Welt das auch akzeptiert. Wer als Reisender kommt, wird einen teuren, gut organisierten und überraschend internationalen Ort vorfinden. Wer als Auswanderer kommt, sollte sehr genau rechnen, bevor er kündigt.
Und wer glaubt, hier den einfachen Weg zum steuerfreien Leben zu finden, wird höchstwahrscheinlich eines Tages feststellen, dass die Inseln nicht wegen ihrer Steuern so attraktiv sind, sondern wegen ihrer Stabilität. Das ist eine andere Sache und eine, die man nicht einfach kaufen kann.