Eine Aktie für 1 Euro. Klingt wie ein Sonderangebot an der Börse, ist aber etwas völlig anderes. Es geht um den Nennwert einer Aktie – eine Zahl, die auf dem Papier steht und trotzdem fast niemanden interessiert, der eine Aktie kauft. Bis zu dem Moment, in dem man sie braucht.
Ich habe mir vor Jahren mal den Spaß gemacht und bei einer Depotbank nachgefragt, was der Nennwert meiner Aktien eigentlich ist. Antwort: „Können Sie in der Abrechnung nachschauen." Ich habe gesucht. Und festgestellt, dass die Zahl dort tatsächlich steht – winzig, irgendwo zwischen Stückzahl und Ordergebühr. Das Ding ist: Der Nennwert sagt nichts darüber, was Ihre Aktie wert ist. Er sagt etwas über das Grundkapital einer Gesellschaft. Das ist ein Unterschied wie zwischen dem Fassungsvermögen eines Glases und dem Preis des Weins darin.
Wichtige Erkenntnisse
- Der Nennwert ist der rechnerische Anteil einer Aktie am Grundkapital einer Aktiengesellschaft – nicht ihr Börsenpreis.
- Bei deutschen Nennbetragsaktien beträgt der Mindestnennwert 1 Euro oder ein Vielfaches davon.
- Der Kurswert entsteht an der Börse durch Angebot und Nachfrage und weicht fast immer vom Nennwert ab.
- Bei nennwertlosen Stückaktien gibt es keine festgeschriebene Zahl – stattdessen einen rechnerischen Anteil an einem festen Grundkapital.
- Auch Anleihen haben einen Nennwert: Er gibt an, welcher Betrag am Laufzeitende zurückgezahlt wird.
- Für Anleger ist der Nennwert beim Kauf ohne Bedeutung – für Gründer und Bilanzleser dagegen zentral.
Was ist der Nennwert einer Aktie – und warum steht dort oft nur 1 Euro?
Wer zum ersten Mal in einer Abrechnung „Nennwert: 1,00 EUR" liest, glaubt an einen Fehler. Ist nicht. Es ist schlicht das Minimum, das der Gesetzgeber für deutsche Nennbetragsaktien zulässt. Der Nennwert, auch Nominale oder Nennbetrag genannt, ist der Betrag, mit dem eine einzelne Aktie am Grundkapital der Gesellschaft beteiligt ist.
Früher stand auf jedem Aktienzertifikat eine runde Zahl – 50 Mark, 100 D-Mark, manchmal 1.000. Diese Zeiten sind vorbei, spätestens mit der Euro-Umstellung. Seitdem darf eine Aktie einen Nennbetrag von mindestens einem Euro haben, und dieser muss auf volle Euro lauten. Keine 1,50 Euro, keine 3,75 Euro. Ein Euro oder ein Vielfaches davon.
Nennwert Aktie einfach erklärt
Stellen Sie sich eine AG als großen Kuchen vor. Das Grundkapital ist der Kuchen, jede Aktie ist ein Stück. Der Nennwert sagt Ihnen, wie groß Ihr Stück rechnerisch ist – nicht, wie viel der Kuchen an der Börse gerade kostet. Wenn eine Gesellschaft mit 50 Millionen Euro Grundkapital in 50 Millionen Aktien zu je 1 Euro Nennwert aufgeteilt ist, hält jede Aktie ein Fünfzigmillionstel.
Ein Nennwert Aktie Beispiel gefällig, das diesen Unterschied greifbar macht: Eine Aktie mit einem Nennwert von 1 Euro kann an der Börse 180 Euro kosten. Der Kurswert hat sich vom Nennwert vollständig abgelöst. Er folgt Gewinnerwartungen, Zinsen, Stimmung – der Nennwert bleibt einfach stehen.
Wo finde ich den Nennwert einer Aktie?
In der Regel in den Unterlagen, die Sie beim Kauf oder Verkauf von Ihrer Depotbank erhalten – dort steht er meist in einer eigenen Spalte. Alternativ finden Sie ihn in der Satzung der Gesellschaft, im Handelsregister oder in den Angaben zum Grundkapital im Geschäftsbericht. Bei nennwertlosen Stückaktien suchen Sie vergebens: Dort gibt es keinen festen Betrag pro Stück, sondern nur einen rechnerischen Anteil am Grundkapital. Wer also bei einer deutschen Publikumsgesellschaft wie etwa der Deutschen Telekom nach einem Nennwert sucht, findet in vielen Fällen nur die Angabe „nennwertlos gestückelt".
Unterschied Nennwert und Kurswert einer Aktie: zwei Zahlen, die nichts miteinander zu tun haben
Die Verwechslung passiert ständig. Nennwert und Kurswert werden in einem Atemzug genannt, als hätte man es mit zwei Preisschildern für dasselbe Produkt zu tun. Haben Sie aber nicht.
Der Kurswert ist das, was Sie an der Börse tatsächlich zahlen – oder bekommen. Er bildet sich aus Angebot und Nachfrage, aus Zinsniveau, aus Quartalszahlen, aus dem, was ein Marktteilnehmer morgen zu wissen glaubt. Der Nennwert dagegen ist eine statische Größe aus der Satzung. Er kann sich nur durch eine Kapitalerhöhung, eine Kapitalherabsetzung oder einen Aktiensplit ändern.
| Merkmal | Nennwert | Kurswert | Buchwert |
|---|---|---|---|
| Woher kommt er? | Satzung, Grundkapital | Börsenhandel | Bilanz der Gesellschaft |
| Verändert sich | nur bei Kapitalmaßnahmen | täglich, minütlich | mit jeder Bilanz |
| Beispielwert | 1,00 EUR | kann ein Vielfaches davon sein | Eigenkapital je Aktie |
| Bedeutung für Anleger | praktisch keine | entscheidend | Fundamentalanalyse |
Interessant wird es, wenn Kurswert und Buchwert auseinanderlaufen. Dann nämlich wird aus einer schlichten Rechengröße ein Signal: Handelt eine Aktie deutlich unter ihrem Buchwert, kann das auf Probleme hindeuten – oder auf eine Unterbewertung. Der Nennwert kommt in dieser Diskussion nicht vor. Er ist die einzige der drei Zahlen, die nichts über den Wert aussagt.
Was ich Anfängern rate: Ignorieren Sie den Nennwert beim Kauf komplett. Schauen Sie auf Kurs, Gewinn je Aktie, Verschuldung. Der Nennwert ist Verwaltungspapier.
Nennbetragsaktie oder Stückaktie – warum es beides gibt
Deutschland kennt zwei Bauformen. Die Nennbetragsaktie trägt einen festen Eurobetrag, mindestens einen Euro. Die Stückaktie – auch Quotenaktie genannt – hat keinen eigenen Nennbetrag, sondern verbrieft einen rechnerischen Anteil am Grundkapital. Bei ihr wird das Grundkapital durch die Zahl der ausgegebenen Aktien geteilt, das Ergebnis ist der rechnerische Anteil pro Stück.
Der Reiz der Stückaktie liegt auf der Hand: Wenn eine Gesellschaft das Grundkapital erhöhen will, muss sie nicht mit krummen Nennwerten hantieren, sondern gibt einfach neue Stücke aus. Die meisten großen börsennotierten Gesellschaften in Deutschland haben sich deshalb für diese Variante entschieden. Ausnahmen sind vor allem ältere Gesellschaften und solche, die bewusst an der klassischen Form festhalten.
Nennwert einer Anleihe: wo die Zahl wirklich Geld bedeutet
Bei Aktien ist der Nennwert reine Buchführung. Bei Anleihen sieht das anders aus – hier ist er das Versprechen, das ein Schuldner gibt. Der Nennwert einer Anleihe (manchmal auch Nominale oder Nennbetrag genannt) gibt an, welcher Betrag am Laufzeitende zurückgezahlt wird. Eine Anleihe mit 1.000 Euro Nennwert wird also am Ende mit 1.000 Euro je Stück getilgt, egal, ob Sie sie zwischendurch für 940 oder 1.080 Euro gekauft haben.
Daraus folgt der Zinsmechanismus: Der Kupon wird auf den Nennwert berechnet, nicht auf den Kaufpreis. Wer eine Anleihe mit 3 Prozent Kupon zum Kurs von 90 kauft, erhält trotzdem 30 Euro Zinsen pro 1.000 Euro Nennwert – und macht zusätzlich einen Kursgewinn, wenn die Anleihe bei Fälligkeit zum Nennwert getilgt wird. Das ist der Grund, warum der Nennwert bei festverzinslichen Papieren jeden Anleger interessiert, bei Aktien dagegen kaum jemanden.
- Anleihe: Nennwert bestimmt Rückzahlung und Kuponbasis
- Aktie: Nennwert bestimmt die Beteiligung am Grundkapital
- Kurs über Nennwert bei Anleihen: Aufschlag, der sich bei Fälligkeit abbaut
- Kurs unter Nennwert bei Anleihen: Abschlag – Rendite steigt über den Kupon hinaus
Und bei Aktien? Da passiert bei Fälligkeit nichts. Es gibt keine Rückzahlung, keinen Kupon, keine Tilgung. Die Gesellschaft schüttet eine Dividende aus, wenn sie will – bemessen am Gewinn, nicht am Nennwert. Wer eine Aktie mit 1 Euro Nennwert besitzt und 2 Euro Dividende bekommt, hat 200 Prozent „Rendite auf den Nennwert" – eine Kennzahl, die in der Praxis niemand verwendet, weil sie schlicht nichts aussagt.
Was Anleger beim Nennwert regelmäßig falsch verstehen
Die häufigste Fehlannahme: Ein niedriger Nennwert bedeute, die Aktie sei billig. Das ist falsch. Eine Aktie mit 1 Euro Nennwert und 300 Euro Kurs ist teuer, eine mit 50 Euro Nennwert und 40 Euro Kurs nicht zwingend ein Schnäppchen. Die Zahlen sind völlig unabhängig voneinander.
Zweite Verwechslung: Der Nennwert habe etwas mit dem Ausgabepreis zu tun. Beim Börsengang wird tatsächlich ein Ausgabebetrag festgelegt, der über dem Nennwert liegen darf. Der Überschuss fließt in die Kapitalrücklage. Wer eine junge Aktie zeichnet, zahlt also fast immer mehr als den Nennwert – zu Recht, denn der Nennwert spiegelt nicht den Unternehmenswert wider.
Dritte Verwirrung, die mir besonders oft begegnet: „Meine Aktie hat keinen Nennwert, ist sie dann wertlos?" Nein. Bei Stückaktien gibt es einfach keinen festgeschriebenen Betrag pro Stück – an der Beteiligung am Unternehmen ändert das nichts. Die Aktie ist vollwertig, sie wird nur anders verbrieft.
Was der Nennwert nicht ist
Er ist kein Mindestpreis, kein Garantiewert, kein Indikator für Qualität. Wenn jemand Ihnen erzählt, eine Aktie sei „unter Nennwert" und deshalb günstig, hat diese Person das Konzept nicht verstanden. Ein solcher Vergleich ergibt bei Aktien schlicht keinen Sinn – bei Anleihen dagegen schon.
Warum die kleine Zahl auf der Abrechnung mehr über das Unternehmen sagt als über Ihre Rendite
Der Nennwert ist das, was von der klassischen Aktie übrig geblieben ist, nachdem die Börse das Preisschild übernommen hat. Er sagt: So viel Grundkapital steckt rechnerisch in diesem Stück Papier. Nicht mehr, nicht weniger.
Für Ihr Depot ist das eine Randnotiz. Für die Gesellschaft ist es die Grundlage jeder Kapitalmaßnahme, für Anleihegläubiger ist es das Rückzahlungsversprechen, und für Gründer ist es eine Stellschraube, die man besser früh richtig einstellt. Wer das einmal verstanden hat, liest Abrechnungen mit anderen Augen – und wird beim nächsten Mal nicht mehr rätseln, warum da tatsächlich eine 1,00 steht.
Vielleicht ist das die eigentliche Erkenntnis: Manche Zahlen sind nicht klein, weil sie unbedeutend sind, sondern weil sie an einer anderen Stelle wichtig werden, als man zunächst gedacht hätte.