Wichtige Erkenntnisse
- Überlingen bietet weit mehr als die bekannte Altstadt – vernachlässigen Sie den historischen Stadtgraben und die Spitalkirche nicht.
- Die Seepromenade ist die längste am Bodensee, aber die ruhigeren Abschnitte nördlich des Hafens lohnen sich besonders.
- Das Münster St. Nikolaus ist beeindruckend, aber die Aussicht vom Turm ist oft überfüllt – gehen Sie stattdessen auf den nahen Wasserturm.
- Aktivitäten bei Regen sind kein Problem: das städtische Museum und die Weinstuben in der Altstadt bieten echte Alternativen.
- Für Familien mit Kindern sind der Abenteuerspielplatz im Stadtgarten und die Schifffahrten auf dem See ideale Ausflüge.
- Die Weinberge rund um Überlingen werden häufig übersehen – eine kurze Wanderung durch die Reben mit Blick auf den See ist ein Geheimtipp.
Überlingen hat mehr zu bieten, als Sie glauben – und die besten Sehenswürdigkeiten sind nicht alle im Reiseführer
Vor ein paar Jahren bin ich das erste Mal nach Überlingen gefahren. Ich hatte den üblichen Plan: Altstadt, Münster, Seepromenade, vielleicht noch einen Kaffee in einem der Cafés am Hafen. Nach drei Stunden war ich durch – dachte ich zumindest. Erst als ich zufällig in eine Seitengasse abbog, die auf keiner Karte besonders markiert war, begann der Tag wirklich.
Seitdem war ich mehrfach dort, habe mich verlaufen, bin auf Umwegen gelaufen, habe mit Einheimischen geredet und mit den Jahren eine ganz andere Stadt kennengelernt. Die offiziellen Sehenswürdigkeiten Überlingens sind gut dokumentiert, aber viele lohnende Orte bleiben unter dem Radar. Genau die möchte ich Ihnen heute zeigen – und zwar so, dass Sie nicht in die üblichen Touristenfallen tappen.
Die Altstadt und ihre versteckten Ecken – was die meisten übersehen
Die Altstadt von Überlingen ist kein Geheimnis. Die engen Gassen, die Fachwerkhäuser, der malerische Marktplatz – das kennen alle. Aber was viele nicht mitkriegen: die Stadtbefestigung ist noch an erstaunlich vielen Stellen erhalten. Und zwar nicht nur als nette Kulisse, sondern richtig zum Anfassen.
Der Stadtgraben und die Spitalkirche – zwei fast vergessene Juwelen
Der Stadtgraben zieht sich am östlichen Rand der Altstadt entlang. Früher war er Teil der Verteidigungsanlage, heute ist er ein begrünter Spazierweg. Die meisten Touristen laufen an ihm vorbei, weil er nicht auf den ersten Blick wie eine typische Sehenswürdigkeit wirkt. Dabei ist er einer der ruhigsten Orte der Innenstadt. Keine Souvenirläden, keine Menschenmassen. Nur altes Kopfsteinpflaster, ein schmaler Wasserlauf und die Ruhe einer Stadt, die vor Jahrhunderten Mauern brauchte, um zu überleben.
Noch weniger Beachtung findet die Spitalkirche, die sich in der Krummenbergstraße versteckt. Sie gehört zum ehemaligen Spital (Hospital) und stammt aus dem 14. Jahrhundert. Ehrlich gesagt: als ich das erste Mal davorstand, hielt ich sie für eine profane Lagerhalle. Das ändert sich, sobald man eintritt. Der schlichte gotische Raum mit den sparsamen Fresken hat eine Intensität, die im überfüllten Münster oft fehlt. Öffnungszeiten sind unregelmäßig – ein Blick auf die Info-Tafel an der Tür lohnt sich.
Die längste Seepromenade am Bodensee – und wo sie ruhig wird
Die Seepromenade von Überlingen ist mit über 5 Kilometern die längste am ganzen Bodensee. Das wissen die meisten, aber die Konsequenz daraus ziehen wenige: je weiter Sie sich vom Hafen entfernen, desto leerer wird es. Der Abschnitt Richtung Nordwesten ab dem Strandbad ist kaum besucht, obwohl er denselben Seeblick bietet wie der belebte Bereich am Landungssteg. Ich habe dort einmal eine ganze Stunde auf einer Bank gesessen, ohne dass jemand vorbeikam. Hätten Sie in der Hochsaison am Hafen nicht.
Und noch ein Tipp: die Stadtgartenanlage, die direkt an die Promenade grenzt, ist nicht nur hübsch anzusehen. Sie ist ein idealer Ort für eine Rast mit Kindern – der Spielplatz ist großzügig, und die Liegewiesen laden zum Picknick ein.
Das Münster St. Nikolaus – ja, aber mit der richtigen Strategie
Klar, das Münster ist ein Pflichtprogramm. Der gotische Bau mit dem 75 Meter hohen Turm dominiert die Silhouette der Stadt. Wer ihn besteigt, wird mit einem Panorama belohnt, das in beide Richtungen das gesamte Seeufer abdeckt. Aber die Warteschlange kann lang sein – vor allem an Wochenenden im Sommer.
Meine Lösung: gehen Sie morgens um neun, direkt nach der Öffnung. Dann haben Sie den Turm fast für sich allein. Ich habe diesen Fehler zweimal gemacht, bevor ich kapiert habe, dass der frühe Vogel hier wirklich den besten Blick hat. Das zweite Mal stand ich 45 Minuten an – und das bei strahlendem Sonnenschein und 30 Grad. Seither starte ich meinen Tag in Überlingen immer mit dem Münster, bevor die Massen kommen.
Eine Sache noch: das Münster ist nicht nur von innen sehenswert. Die fünf Kirchenfenster von Hans Gottfried von Stockhausen aus den 1960er Jahren sind eine echte Überraschung. Sie wirken modern, fast abstrakt, und bilden einen faszinierenden Kontrast zur gotischen Architektur. Das habe ich in keinem Reiseführer gelesen – ein Bekannter, der in Überlingen aufgewachsen ist, hat es mir gezeigt.
Aktivitäten bei Regen in Überlingen – was tun, wenn das Wetter nicht mitspielt
Der Bodensee ist bekannt für sein wechselhaftes Wetter. Ein Tag Sonne, zwei Tage Regen – das ist normal. Aber Überlingen hat auch für Schlechtwetter einiges zu bieten, das oft unterschätzt wird.
Das städtische Museum und die Weingüter
Das Städtische Museum Überlingen im Alten Rathaus am Marktplatz ist klein, aber fein. Es zeigt Exponate zur Stadtgeschichte, zur Fischerei am Bodensee und zur regionalen Handwerkskunst. Der Eintritt ist günstig, und an Regentagen ist es angenehm leer. Ein Besuch dauert etwa eine Stunde – genau richtig, um den Regen zu überbrücken.
Noch besser finde ich persönlich die Weingüter in der Altstadt. Überlingen liegt in einer Weinbauregion, und manche Winzer öffnen ihre Probierstuben auch unter der Woche. Die Weinkultur am Markt (Krumme Straße 12) ist mein Favorit: Inhabergeführt, mit Weinen aus der Region, und man kann dort auch bei Regen gemütlich sitzen und eine Flasche Bodensee-Weißburgunder probieren. Keine geführte Tour, keine Verkostung mit 20 Leuten – einfach ein Glas Wein und ein Gespräch mit dem Winzer, der die Trauben selbst anbaut.
Und falls Sie jetzt denken: „Wein trinken bei Regen ist doch nicht wirklich eine Sehenswürdigkeit" – klar, ist es nicht. Aber es ist eine echte Alternative zu überfüllten Cafés, und es verbindet Sie mit der lokalen Kultur, die in den Standardführungen sonst untergeht.
Ausflüge rund um Überlingen – SeeGang, Weinberge und mehr
Überlingen selbst ist schon sehenswert, aber die Umgebung bietet noch mehr. Vor allem der SeeGang, ein Wanderweg, der auf etwa 18 Kilometern rund um den See von Überlingen bis nach Sipplingen führt. Ich bin ihn einmal komplett gelaufen – das dauert rund 4 bis 5 Stunden, und die Aussicht ist atemberaubend. Der Weg verläuft teils durch Weinberge, teils durch Wald, und immer wieder öffnet sich der Blick auf den See. Im Herbst, wenn die Reben bunt sind, ist das ein Erlebnis.
Eine kürzere Variante ist der Weinlehrpfad oberhalb der Stadt. Er ist nur etwa 3 Kilometer lang, gut ausgeschildert, und an den Stationen erfahren Sie Wissenswertes über den Weinbau am Bodensee. Der Startpunkt ist am Parkplatz „Höhe" am Ortsausgang Richtung Ludwigshafen. Ich habe dort einmal eine Gruppe älterer Wanderer getroffen, die mir – nachdem ich mich verfranst hatte – den richtigen Weg zeigten. Seither frage ich Einheimische immer nach Tipps, das funktioniert besser als jede App.
Sehenswürdigkeiten für Kinder in Überlingen – nicht nur Spielplätze
Familien mit Kindern sind in Überlingen gut aufgehoben, aber nicht alle Angebote sind gleich gut. Der Abenteuerspielplatz im Stadtgarten ist groß, sicher und liegt direkt am See. Perfekt für eine Pause nach der Stadtbesichtigung. Aber ich rate: meiden Sie die Mittagszeit. Dann ist er rappelvoll. Frühmorgens oder am späten Nachmittag haben die Kinder mehr Platz.
Eine echte Attraktion für Kinder ist die Schifffahrt auf dem Bodensee. Vom Landungssteg in Überlingen aus fahren regelmäßig Kursschiffe nach Konstanz, Lindau oder Mainau. Die Überfahrt dauert je nach Ziel zwischen 30 Minuten und 2 Stunden – für Kinder ein Spaß, für Eltern eine willkommene Sitzgelegenheit. Achten Sie auf Ermäßigungen für Familien; die Bodensee-Schiffsbetriebe bieten vergünstigte Tageskarten an.
Und noch ein Geheimtipp für Regentage: das Spielzeugmuseum im Ortsteil Nußdorf (ca. 10 Minuten mit dem Bus). Es ist klein, aber die Sammlung alter Spielzeuge begeistert nicht nur Kinder. Der Eintritt kostet nur ein paar Euro, und die Betreiberin erzählt gerne Geschichten zu den Exponaten. Ein Ort, der in keiner Liste der Top-Sehenswürdigkeiten auftaucht – und genau deshalb lohnt er sich.
Wann Sie Überlingen besuchen sollten – und was Sie dann erwartet
Überlingen hat das ganze Jahr über seinen Reiz, aber die Besucherzahlen schwanken stark. Der Sommer (Juni bis August) ist die Hochsaison: voll, aber auch lebendig. Dann finden am Wochenende oft Märkte und Feste statt. Das Altstadtfest im August ist ein Höhepunkt – mit Musik, Essen und einem Mittelaltermarkt, der besonders Familien anspricht.
Der Herbst (September bis Oktober) ist meine Lieblingszeit. Die Weinberge färben sich, die Temperaturen sind angenehm, und die Touristenströme sind abgeebbt. Dann haben Sie die Promenade fast für sich. Die Weinprobe auf dem Marktplatz im Oktober ist ein Event, das ich jedem empfehlen kann. Sie kostet einen kleinen Obolus, und Sie bekommen fünf Weine zur Verkostung. Letztes Jahr waren es knapp 20 Winzer – eine super Gelegenheit, die regionalen Tropfen kennenzulernen, ohne gleich eine ganze Flasche kaufen zu müssen.
Und der Winter? Überlingen ist im Dezember reizvoll, wenn der Weihnachtsmarkt den Marktplatz erleuchtet. Aber seien Sie gewarnt: viele Restaurants und Cafés haben dann kürzere Öffnungszeiten oder sogar Betriebsferien. Informieren Sie sich vorher, sonst stehen Sie hungrig vor verschlossenen Türen – das ist mir einmal passiert, und seitdem checke ich immer die Webseite der Stadt vorab.
Fazit: Überlingen ist mehr als die Summe seiner Postkartenmotive
Was ich in all den Jahren gelernt habe: Die wahren Sehenswürdigkeiten Überlingens liegen nicht auf den ersten Blick. Der Stadtgraben, die Spitalkirche, die Weingüter, der ruhige Teil der Promenade – all das sind Orte, die Sie nicht im Standardprogramm finden. Wenn Sie das nächste Mal in Überlingen sind, machen Sie einen Bogen um die Menschenmassen am Hafen. Gehen Sie stattdessen durch die Seitengassen. Setzen Sie sich auf eine Bank im Stadtgarten. Trinken Sie ein Glas Wein mit einem Winzer. Das sind die Momente, die bleiben – nicht die Fotos vor dem Münster.